Freitag, 16. Januar 2015

Charlie hebdo und der verfemte Prophet Ernst Nolte

I.
Bundeskanzlerin Merkel ist für überraschende Positionswechsel bekannt. Zur  überschaubaren Sympathie- und Trauerveranstaltung vor der französischen Botschaft auf dem Pariser Platz  (Polizei: max. 5000 Teilnehmer, offiziell 10 000) für die Opfer des Massakers an der Charlie Hebdo-Redaktion hatte sie den  Ex-Bundespräsidenten Christian Wulff  auf die Bühne geholt und sich dessen einst provokatives und/oder naives Diktum "Der Islam gehört zu Deutschland" zu eigen gemacht. Das sei auch ihre Meinung.  Gestern trat sie mit einer Erläuterung  vor den Bundestag, indem sie dem Satz das Temporaladverb "inzwischen" einfügte. 

Dass sie sodann,  sekundiert von Bundestagspräsident Lammert, die muslimische Geistlichkeit - eine solche ist mangels Institutionalisierung und vielfältiger Divergenzen/Spaltungen/Verfeindungen innerhalb des Islam  als politischer Ansprechpartner leider schwer vorzufinden - aufforderte, ihre Koran-Auslegung an eine eindeutige Absage der Gewalt zu binden - derlei neue Rede  könnte man  als Abkehr vom bislang vorherrschenden verständnisvollen Umgang mit  der betreffenden Religion verstehen. Ähnliches hatte vor Jahren schon der damalige Bischof und  EKD-Vorsitzende  Wolfgang Huber angemahnt, ohne dass dies in der der Öffentlichkeit, in den Islam-Verbänden, oder selbst in seiner evangelischen Kirche Eindruck gemacht hätte. An ein heikles Thema wagt sich die etablierte Zivilcourage ungern heran. 

Prognose: Im Hinblick auf die von "Pegida"  ausgehende Bedrohung unserer wehrhaften Demokratie wird man das Thema weiterhin meiden. Sobald sich die Aufregung über Charlie Hebdo wieder gelegt hat, wird man zum analytisch bequemeren Umgang mit dem in seinem historischen Ursprung angelegten Problem und zum Verzicht auf die Klärung des Verhältnisses von aufklärungsresistenter  Religion und westeuropäischer Zivilreligion zurückkehren.

II. 
Ernst Nolte gehört zu den wenigen Denkern, die sich mit der tieferen Problematik des Phänomens "Islamismus"  auseinandergesetzt haben. Bereits anno 2009 erschien sein Buch Die dritte radikale Herausforderung: der Islamismus.

Vor diesem Hintergrund  verweise ich auf einen Artikel, den ich vor zwei Jahren anlässlich des 90. Geburtstages von Ernst Nolte verfasst habe:

Ernst Nolte und die Globalisierung
Einheit oder Vielfalt

Herbert Ammon

Am 11. Januar (2013) beging Ernst Nolte seinen 90. Geburtstag. Der andernorts hochgeehrte, in Deutschland jedoch verfemte Geschichtsdenker wurde in der Jungen Freiheit  gewürdigt, ebenso in der FAZ. Auch dort wird der akademisch-medial genährte Argwohn gegen Nolte klar abgewiesen. Anders als der Frankfurter Sozialphilosoph Jürgen Habermas, der anno 1986 den absurden „Historikerstreit“ eröffnete, war Nolte in Jugendjahren gegen die Suggestionen des Nazismus gefeit. Wenn es ihm in oft eigenwilligen Zuspitzungen darum ging, „Auschwitz verstehbar“ zu machen, so gehörte Nolte trotz seines Festhaltens am „Prius“ des Klassenmordes der Bolschewiki und dem „kausalen Nexus“ nie zu den Verharmlosern, geschweige denn Leugnern des NS-Rassenmordes. Im Gegenteil: In spezifischer Denkweise verficht Nolte die These von der „Einzigartigkeit“ der NS-Verbrechen.

Hier ist nicht der Ort, die unendliche Debatte fortzusetzen. Angemerkt sei, daß die parallel zur Aufhebung des Nationalstaats sowie zur „multikulturellen“ Transformation betriebene Fixierung auf die historische Schande der Deutschen als Volk dem vermeintlich auf Freiheit und Gleichheit aller Individuen gerichteten linksliberalen Universalismus entgegensteht.

Übersehen wird von Noltes Feinden zudem, daß auch ihm im Ausblick auf das 21. Jahrhundert eine in partikularer Vielfalt geeinte Menschheit vor Augen steht. Das „linke“ Prinzip des Universalismus und dessen „rechte“ Negation, der Partikularismus, kämen am Ende zu einer friedlichen Synthese. Das Vehikel dieser Bewegung sieht Nolte in der Globalisierung.

Nicht im Einklang mit derlei Friedensvisionen bestehen anno 2013 die weltpolitischen Fakten. Partikularismen, Machtansprüche, Antagonismen  fort. Siehe Nahost: Wer will, wer vermag das Konfliktknäuel aufzulösen? Amerika, die EU, Israel, die Türkei? Daß die USA Universalismus mit Eigeninteresse verknüpfen, ist historisch nichts Neues. Ob die EU durch „noch mehr Einheit“ (Schäuble, Habermas etc.) Ungleichgewichte und Interessendivergenzen ausgleichen kann, ist die eine Frage; wie sie sich als Machtgebilde im globalen Spiel behaupten würde, die andere. Über die Projektionen der kapitalistisch erstarkten Han-Chinesen dürfen wir spekulieren. Und Rußland wird sich auch fürderhin westlichen Zumutungen nicht einfach fügen

in: Junge Freiheit 04/13 (18.Jan 2013) http://jungefreiheit.de/service/archiv/?www.jf-archiv.de/archiv13/2013040118jf.htm