Dienstag, 18. Juli 2017

Aus Politik und Wissenschaft

I.
Die Hamburger G-20-Festspiele, für deren Folgekosten von ca. 180 Millionen Euro aufgrund versicherungsrechtlicher Kautelen bezüglich innerer Unruhen und/oder (bürger-)kriegerischer Umstände mutmaßlich die demokratischen Steuerzahler (sc. -rinnen) aufzukommen haben, okkupierten die Qualitäts- und sonstigen Medien in der vergangenen Woche, haben indes bereits wieder an Aktualität eingebüßt. Nicht von ungefähr: Die Werte der freiheitlichen Demokratie stehen auf dem Spiel, wenn der Nato-Bündnispartner Erdogan in seinem Lande.deutschen Bundestagsabgeordneten den Besuch auf einer Militärbasis zur Stärkung der Kampfmoral deutscher Soldaten (sc. -innen) verweigert. 

Weniger bedeutsam und demokratiefeindlich erscheint demgegenüber die Enteignung der letzten Kirchengüter der durch Verfolgung und Flucht dahingeschmolzenen  aramäisch-christlichen Minderheit. Im Verhältnis zur Türkei gibt es wichtigere Fragen, etwa die nach den tatsächlichen Hintergründen des vor einem Jahr blutig gescheiterten Miliärputsches sowie - noch wichtiger - nach Erdogans Absichten hinsichtlich der Wiedereinführung der Todesstrafe. Dann verlöre man in Brüssel, Straßburg, Luxemburg und Berlin endgültig die Geduld mit dem werteverletzenden Erdogan, so heißt es. Wir dürfen derartigen Spekulationen noch einen  Satz hinzufügen: Auch im schlimmsten EU-feindlichen Falle bliebe die - geopolitisch  unentbehrliche - Nato-Mitgliedschaft der Türkei davon unberührt.

II.
Die FAZ vom 18. Juli (S.2) zeigt Angela Merkel mit siegesgewiss fröhlichem Konfirmandenlächeln auf einem roten Sessel im Fernsehstudio. Sie denkt nicht daran, die Nachbereitung des G-20-Gipfels zu einem Wahlkampfthema zu machen. Das Thema innere Sicherheit - nicht anders als dievon der "Krise" zur Normalität herabgestufte, unvermindert  anhaltende Massenimmigration - eignet sich nicht für den Wahlkampf. Der Kampf um Wählerstimmen verspricht mithin langweilig zu werden, wäre da nicht die CSU mit ihrem "Bayern"-Programm und der bereits zwei Jahre alten Forderung nach einer Obergrenze von 200 000 realen und simulativen Flüchtlingen ("refugees"/Geflüchtete) pro Jahr, womit sie glaubt und hofft, die AfD aus dem Bundestag fernhalten zu können.

Das Schlusswort zu den Schlachtszenen in Hamburg sprach wiederum die Kanzlerin. Auf die verspätete Erkenntnis ihres SPD-Außenministers (und Wahlkämpfers) Sigmar Gabriel, man hätte den G-20-Gipfel an den für derartige globale Themen besser geeigneten Sitz der UNO in New York einberufen sollen,  reagierte sie mit der Richtigstellung, nicht sie habe ihren Geburtsort Hamburg als Tagungsort empfohlen, "sondern da gibt es Empfehlungen."  Merkel beendete die Debatte um den Gipfel mit folgendem Satz: "Dann ist die Wahl auf Hamburg getroffen worden." Ohne Frage verdankt die CDU-Physikerin Merkel ihre ewige Kanzlerschaft der Überzeugungskraft ihrer Sprachkunst.

III.
Kurz vor der Sommerpause entdeckte die Kanzlerin in einer Veranstaltung des Intelligenzblattes "Brigitte" im Berliner Gorki-Theater (ehedem Singakademie) die vollgültig gleichgestellte Homo-Ehe als Gewissensfrage. Der Weg zu beliebigen Koalitionsspielen - unter ihrer Regie -  nach den Septemberwahlen war damit geöffnet. In der Abstimmung folgte sie ihrem diesbezüglich altjüngferlich protestantisch anmutenden Gewissen und stimmte dagegen. Das Gewissen aller übrigen Parteien im Bundestag orientierte sich innengeleitet und progressiv zugleich am Willen ihrer Fraktionen, von denen  es sich keine mit der LSBTXXL-Lobby sowie mit der in Fragen der Nächstenliebe höchstprogressiven  Evangelischen Landeskirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz verderben will.

Das Bundestagsvotum - mangels Zweidrittelmehrheit (s.o. Merkel et al.)  womöglich noch unter Vorbehalt einer Normenkontrollklage - zugunsten der Totalgleichstellung aller denkbaren Liebeskonstellationen inspirierte die Soziologin Barbara Küchler zu historisch angereicherten Reflexionen  über den Wandel der Ehe im Zuge der Menschheit - ehedem sprachen nicht nur Marx und Engels von der Urgesellschaft, wieder andere von der "Urhorde" - zum jüngsten  Rechtsinstitut in der westlichen EU. Zum besseren Verständnis: Definitionsfrei versteht die Autorin unter "Moderne" offenbar  nicht die mit  Aufklärung und bürgerlicher Gesellschaft einsetzende Moderne, sondern die Gegenwart, i.a.W. die modernste Moderne.

Aus dem wissenschaftlichen Traktat seien einige Passagen dem Publikum zur Kenntnis gebracht: "Naturhafte Aspekte prägen nun auch die soziale Institution von Liebe, Ehe und Beziehung nicht mehr. Deren Koppelung an natürlich-biologische Sachverhalte wird gelockert, die selbstverständliche Verschaltung endet, die Freiheitsgrade sozialer Ordnungsbildung steigen." Ehedem sei die "Institution Ehe schlechterdings untrennbar  vom biologischen Tatbestand der Fortpflanzung" gewesen, "und noch im christlichen Mittelalter" habe Kinderlosigkeit die Auflösung der Ehe ermöglicht.  "Die moderne Gesellschaft dagegen schätzt die Ehe - das intime Zusammenleben zweier Menschen - als einen Zweck in sich selbst."  Gut, es geht nicht mehr um so prosaische Dinge wie Reproduktion, "vielmehr geht es um die soziale Dimension der Sache: um das intensive Bezogensein auf einen Anderen, [...] das unendliche Entdecken der Tiefen und Untiefen des Anderen, all das was wir ´Liebe´ nennen. Dieses Projekt ist in sich schwierig und unwahrscheinlich genug."

Weiter: "Es wird in dieser Gesellschaft immer wichtiger, mit einem relevanten Anderen eng vertraut zu sein und die eigene Identität darin bestätigt zu sehen, weil der Rest der Gesellschaft immer anonymer, kälter und immer mehr an großen Zahlen orientiert ist." Der Satz verlangt nach Interpretation: Der moderne Faust, so scheint es, ließe sich von Mephisto nicht mehr verleiten, Helenen in jedem Weibe zu sehen. Klingt die Begründung dafür aber nicht verdächtig nach deutscher Kulturkritik? Wie auch der folgende Satz: "Es wird aber gleichzeitig immer schwieriger, es mit einem Anderen im intimen Miteinander auszuhalten, weil die Menschen immer individualisierter werden, immer anspruchsvoller und reicher an Macken und Komplexen und immer höhere Erwartungen an Glück, Sinn und Erfüllung in Liebesbeziehungen stellen." War früher etwa doch alles besser? Nein, ganz und gar nicht, denn: "Früher war man mit einer Ehe zufrieden, wenn man dem Anderen ohne größere Hassgefühle täglich am Frühstückstisch sehen konnte." (In Parenthese: Früher gab es anscheinend auch noch keine Schichtarbeit für familienernährende Malocher).

Wie also sieht die Ehe nach dem Bundestagsbeschluss für mariage pour tous aus?  "Heute macht man es (sic!) nicht unterhalb der mehr oder weniger idealen Charakterkonstellation, die beiden Partner Anregung und Anziehung, Entspannung und Erregung, Vertrauen und Reibungsfläche bietet."

Die jüngste Moderne erfordert mithin neue Verschaltungen. Mehr oder weniger...